Der Grand Prix geht an Götz W. Werner, dm-drogerie markt
Foto: Andreas Baier

Interview mit Götz. W. Werner, DDC-Grand Prix-Gewinner Gute Gestaltung 14

Welche Rolle spielt das Thema Design?

Götz W. Werner Bei allem was wir tun, geht es auch um Gestaltung – sei es um die Gestaltung einer Gemeinschaft, eines Unternehmens oder der eigenen Biografie. Wir machen uns noch nicht bewusst, dass wir im Sinne Joseph Beuys’ tatsächlich alle Künstler sind. Jeder gestaltet die sozialen Beziehungen in seinem Umfeld mit. Während wir bei vielen Künsten wie Musik oder Architektur zahlreiche Höchstleistungen in der Geschichte finden, stehen wir bei der sozialen Kunst noch am Anfang unserer Möglichkeiten.

Welche Veränderungen sehen Sie als dringend notwendig an, um unsere Gesellschaft zukunftsfähig zu machen?

Götz W. Werner Je mehr der einzelne in einer Gemeinschaft selbst erkennt, was zu tun ist und eigeninitiativ aktiv werden kann, desto besser geht es der Gemeinschaft – desto zukunftsfähiger ist sie. Die Frage ist also: Was braucht der einzelne, um seine Fähigkeiten und Fertigkeiten entwickeln und einbringen zu können? Meine Beobachtung ist, dass Menschen unter ihren Möglichkeiten bleiben, wenn sie unter Druck gesetzt werden. Darum plädiere ich für ein bedingungsloses Grundeinkommen, das jedem Bürger ein bescheidenes aber menschenwürdiges Leben ermöglicht. Dann würden wir tatsächlich in Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit zusammen leben. Grundeinkommen stiftet Freiheit. Grundeinkommen stiftet Gleichheit. Grundeinkommen stiftet Geschwisterlichkeit. Die Realität heute ist, dass wir anerkennen, dass die Würde des Menschen unantastbar sein soll – wir leben es aber nicht. Hartz IV ist mit Artikel 1 unvereinbar.

Wie sehen Sie die Zukunft der „Arbeit“?

Götz W. Werner Sehr positiv. Überall dort, wo Menschen zusammen kommen, gibt es Arbeit. Zukünftig wird sich der Wandel weg von der Arbeit an der Natur hin zur Arbeit am Menschen noch verstärken. Die Arbeit an der Naturgrundlage nehmen uns Maschinen ab. Die Arbeit am Menschen, bei der es um mitmenschliche Zuwendung geht, können uns Maschinen nicht abnehmen. Diese neue Arbeit zu ermöglichen, ist eine Herausforderung. Denn sie lässt sich nicht wie die alte Arbeit im Produktionsbereich organisieren. In der Produktion geht es um Effizienz. Mitmenschliche Zuwendung kann nicht gemessen und damit auch nicht effizient strukturiert werden. Arbeit am Menschen kann man nicht anweisen. Man kann sie nur ermöglichen, indem man die Rahmenbedingungen entsprechend gestaltet – zum Beispiel mit einem Grundeinkommen.

Ihre persönliche Definition von Design?

Götz W. Werner Beim Design geht es um die Gestaltung einer stimmigen Komposition. Um es mit einem Beispiel aus der Kunst zu veranschaulichen: Picasso oder Monet haben, ebenso wie viele andere, Farbe, Leinwand, Pinsel etc. benutzt und trotzdem kommen Kunstinteressierte zu dem Schluss: Da besteht ein Unterschied zu anderen Malern. Wie sieht eine stimmige Komposition für den Kunden aus? Das ist die Frage.

Welche Relevanz und welchen Wert hat Design bei dm?

Götz W. Werner Design im Sinne von Gestaltung spielt immer eine Rolle, ob bei der Ladengestaltung oder beim Design der Einkaufstüten. Der Teufel steckt immer im Detail. Natürlich muss es angemessen sein. Die Frage, was der Kunde erwartet und welche Leistungen er durch seinen Einkauf unterstützen will, darf nicht aus dem Blick geraten.

Gibt es für Sie ein Unternehmen, das Design vorbildhaft einsetzt?

Götz W. Werner Es gibt zahlreiche Unternehmen, denen das sehr gut gelingt. Das Angebot der Autohersteller ist schon beeindruckend.

Haben Sie einen Ratschlag für Designer(innen)?

Götz W. Werner Das Problem sind die ausgedachten Sachen. Sobald man sich an seinen Vorstellungen orientiert anstatt an der Realität, ist man auf einem Irrweg. Vorurteilsfreie Wahrnehmung ist die Voraussetzung für Gestaltung. Und die Voraussetzung für Wahrnehmung ist eine fragende Haltung. Fragen entfachen einen Bewusstseinsprozess. Antworten beenden ihn. Wer es sich in Antworten gemütlich macht, hat die berühmte Wette zwischen Faust und Mephisto verloren: „Werd’ ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! Du bist so schön! Dann magst Du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zu Grunde gehn!“

Das Interview führte Michael Eibes.