Blick in die „Collezione Soli“ im Museo Alchimia, Mailand, 1990, Foto © Emilio Neri Tremolada

AUSSTELLUNG

Alchimia hatte eine starke Wirkung wegen des Marginalen und der ungeheuren Kreativität. Deshalb ist die Designgruppe, 1976 in Mailand gegründet, für die heutige Designdiskussion relevant – wie die Schau „Alchimia. Die Revolution des italienischen Designs“ im Berliner Bröhan Museum unterstreicht.

Veröffentlicht am 04.08.2025

Mehr Irrationalität und Surrealismus wagen, mehr Humor und Albernheit auf höchstem Niveau; so wie es Peter Fischli und David Weiss, Erwin Wurm, Roman Signer, Henrike Naumann oder Isa Genzken in der Kunst geschafft haben. Ab­seits der Pro­duk­ti­on den­ken und trotz al­lem in­klu­siv und par­ti­zi­pa­tiv. Das wä­re wohl­tu­end für uns heu­te.

Die De­sign­grup­pe ge­hör­te nicht zum Main­stream des De­signs der spä­ten 1970er und frü­hen 1980er Jahre. Al­chi­mia hat­te aber ei­ne star­ke Wir­kung, ge­ra­de we­gen die­ser Mar­gi­na­li­tät und der un­ge­heu­ren Krea­ti­vi­tät. Nur des­halb ist Al­chi­mia, 1976 von Ales­san­dro Gu­er­rie­ro und sei­ner Schwes­ter Adria­na in Mai­land ge­grün­det, für die heu­ti­ge De­si­gn­dis­kus­si­on re­le­vant. An­sons­ten sind die Ob­jek­te weit­ge­hend mu­sea­li­siert.

Für das Sofa „Kandissi“ kombinierte Alessandro Mendini Stoffe mit Formen und Farben, die an die abstrakten Motive des russischen Malers Wassily Kandinsky erinnern. Courtesy of Archivio Mendini, Bild © Carlo Lavatori

Der Subkultur nahe

Das De­sign von Al­chi­mia, de­nen sich De­si­gner wie An­drea Bran­zi, Mi­che­le De Luc­chi, Ales­san­dro Men­di­ni oder Et­to­re Sott­s­ass an­schlos­sen, war in­halt­lich nä­her an der Mu­sik im Sti­le von „Ge­nia­le Di­let­tan­ten“ (Sub­kul­tur-Kon­zert Kon­zert in Ber­lin, 1981) dran als am De­sign der Möbelhersteller Cap­pel­li­ni oder Rolf Benz. Funk­tio­na­lis­ti­sches De­sign ge­riet in den 1970ern in ei­ne Sinn­kri­se. Ge­nau­so ging es der bis da­hin do­mi­nie­ren­den Mi­ni­mal Art und der Con­cep­tu­al Art. Deren Vertreter*innen waren zur Provokation beziehungsweise mit eigenen Welterklärungsmodellen angetreten, lie­fer­ten nun aber nur noch das Er­wart­ba­re. Was war be­re­chen­ba­rer als Mi­ni­mal Art? Was war for­mal pro­gnos­ti­zier­ba­rer als klas­si­sches funk­tio­na­lis­tisches De­sign? Das führ­te schlussendlich zu gäh­nen­der Lan­ge­wei­le.

Parodie auf die Kunst-Performances der Zeit: Für eine Performance im Geschäft von Fiorucci in Mailand, 1982, schuf Alessandro Mendini das „Arredo Vestitivo“. Courtesy of Alessandro Guerriero.

Bewegung jenseits der Avantgarden

Kein Wun­der al­so, dass im Aus­gang der 1970er Jahre in der Kunst das Emo­tio­na­le ei­ne Re­nais­sance er­leb­te, das Far­bi­ge, das Ge­nia­le. Der ita­lie­ni­sche Kunst­kri­ti­ker Achil­le Bo­ni­to Oli­va pro­kla­mier­te den Be­ginn ei­ner Tran­s­a­vant­guar­dia, al­so ei­ner Be­we­gung jen­seits der Avant­gar­den. Auf die­sen ita­lie­ni­schen Ur­knall folg­ten in Deutsch­land die Neu­en Wil­den, in Frank­reich die Fi­gu­ra­ti­on Lib­re und in den USA der Neo-Ex­pres­sio­nism – ausgedrückt in schnell produzierter, meist figürlicher, vielfarbiger, oft ironischer und weitgehend unkritischer Malerei.

Das Plakat „bau. haus“ entwarf Alchimia zu ihrer ersten Ausstellung in Mailand, 1979. Courtesy of Galerie Maurer. Bild © Colya Zucker

Referenzen von Art Déco bis Pop

In die­ser Zeit ent­stand auch die Grup­pe Al­chi­mia. Ihr An­satz war voll­kom­men an­ders als al­les, was zu dem Zeit­punkt im De­sign zu se­hen war. For­mal stamm­ten Or­na­ment und Far­big­keit aus vie­len frü­he­ren und weit von­ein­an­der ent­fern­ten Quel­len. Ers­tens dem sogenannten tsche­chi­schen Ku­bis­mus. Er selbst war bereits eine eklektische Be­we­gung und kom­bi­nier­te ku­bis­ti­sche Ele­men­te mit Merk­ma­len des Art Dé­co, so wie man es heute noch in und um Prag herum vorfindet. Die De­si­gner*in­nen von Al­chi­mia könn­ten die bunt strahlenden Ju­gend­stil Keks­do­sen von Ema­nu­el Jo­sef Mar­gold und El­la Mar­gold-Welt­mann für Bahl­sen ge­se­hen ha­ben. Die Ein­flüs­se sind eklek­tisch. Die­se Eklek­tik war ei­ner der Trei­ber der Ge­stal­tung von Al­chi­mia. In der Far­big­keit und der kla­ren Li­nie kön­nten auch die Co­mics von Her­gé her­an­ge­zo­gen wer­den. Oh­ne das Co­ver der LP Al­ad­din Sa­ne von Da­vid Bo­wie (1973) sind die Kör­per­be­ma­lun­gen von Ales­san­dro Gu­er­rie­ro (1986) eben­falls un­denk­bar.

Al­chi­mia speis­te sich durch und in­te­grier­te gleichzeitig die Tran­s­a­vant­guar­dia. Die Grup­pe wag­te ge­gen­über ih­rem ge­sam­ten De­si­gn­um­feld mehr Ir­ra­tio­na­li­tät, mehr Hu­mor. Sie er­in­nert mehr an die Kunst von Mim­mo Pa­la­di­no und San­dro Chia als an Ri­chard Sap­per oder Wil­helm Wa­gen­feld. Die zen­tra­le Bot­schaft war: Eine andere, eigenständige Realität ist möglich. Al­chi­mia ver­stand sich in­so­fern nicht als De­sign­stu­dio, son­dern als La­bor für ex­pe­ri­men­tel­les, sinn­li­ches De­sign ab­seits der in­dus­tri­el­len Mas­sen­pro­duk­ti­on und war be­son­ders be­kannt für iro­ni­sche, ver­spiel­te Wer­ke. Die be­kann­tes­ten Se­ri­en wa­ren die Kol­lek­tio­nen „Bau.Haus 1“ (1978) und „Bau.Haus 2“ (1979), die in­ter­na­tio­nal Be­ach­tung fan­den und in meh­re­ren Aus­stel­lun­gen zu se­hen wa­ren.

Caffettiera „Oggetto banale“ von Alessandro Mendini, Paola Navone, Daniela Puppa und Franco Raggi, 1980. Courtesy of Archivio Alessandro Mendini, Bild © Quittenbaum, München

Alchimia und die Revolution

Auch der Be­griff „Al­chi­mi­a“ be­zie­hungs­wei­se „Al­chi­mie“ ist ein Na­me, der nicht wei­ter ent­fernt sein könn­te von Ra­tio­na­li­tät, Lo­gik, Klar­heit, Ein­deu­tig­keit. Ein ele­men­ta­rer Un­ter­schied zwi­schen der Tran­s­a­vant­guar­dia-Ma­le­rei und Al­chi­mia war, dass letz­te­re Wei­ches und In­ein­an­der­flie­ßen­des nicht dul­de­te. Al­chi­mia ver­stand sich den­noch als Re­vo­lu­ti­on. Und sie rich­te­te sich, bei al­ler sons­ti­gen Iro­nie, sehr ernst ge­gen den Krieg: „Non fa­re le gu­er­re. De­co­ra­re sen­za pau­ra. Cer­ca­re so­lo la bel­lez­za!“ (Führe keine Kriege. Dekoriere ohne Furcht. Suche nur das Schöne!). Dies war in Ita­li­en ei­ne kla­re Po­si­tio­nie­rung ge­gen die viel­leicht wich­tigs­te ita­lie­ni­sche Avant­gar­de: die Fu­tu­ris­ten. Im Ma­ni­fest des Fu­tu­ris­mus, 1909 ver­fasst von Fi­lip­po Tom­ma­so Ma­ri­net­ti, steht un­ter Punkt 9: „Wir wol­len den Krieg ver­herr­li­chen – die­se ein­zi­ge Hy­gie­ne der Welt –, den Mi­li­ta­ris­mus, den Pa­trio­tis­mus, die Ver­nich­tungs­tat der An­ar­chis­ten, die schö­nen Ide­en, für die man stirbt, und die Ver­ach­tung des Wei­bes.“ Mit die­sen Schund­ide­en woll­te Al­chi­mia, als Avant­gar­de ab­so­lut nichts zu tun ha­ben. Dies er­klärt auch ihr An­ti­kriegs-State­ment.

 

Design als Befreiungsakt

In­ter­es­sant ist al­ler­dingt, was Al­chi­mia als Al­ter­na­ti­ve an­bie­tet: Ei­ne Idee, die auch von den ka­li­for­ni­schen Hip­pies der 1960er Jah­re stam­men könn­te. „De­co­ra­re sen­za pau­ra.“ Angst­frei de­ko­rie­ren. Was be­deu­tet das? Das war zu ei­ner Zeit als Adolf Loos’ „Or­na­ment und Ver­bre­chen“ zur Grund­lek­tü­re im De­sign­stu­di­um ge­hör­te, un­er­hört. Angst­frei zu dekorieren, war ein Be­frei­ungs­akt. „Cer­ca­re so­lo la bel­lez­za!“ Und nur die bel­lez­za su­chen, al­so zu­nächst auf Schön­heit schau­en, dann nach Funk­ti­on, das ging und geht zu­min­dest an deut­schen De­sign­schu­len gar nicht – Schön­heit um der Schön­heit willen.

Wie so oft, können wir auf den Ide­en­schatz von Ray und Charles Ea­mes zu­rück­grei­fen. 1957 prä­sen­tier­ten die Ea­mes ei­ne so­lar­be­trie­bene Ma­schi­ne, de­ren Farb- und For­men­spiel das Fol­gen­de tat: NICHTS. Sie war ein­fach nur wun­der­schön. Ihr Na­me: „So­lar Do-Not­hing Ma­chine“. In diesem Sinne bestimmt eine Vorläuferin der Welt der Dinge von Alchimia.

„Alchimia. Die Revolution des italienischen Designs“
Kuratiert von François Burkhardt und Tobias Kollmann
Bröhan-Museum, Berlin
Noch bis 07. September 2025
www.broehan-museum.de

Die Ausstellung läuft unter der gemeinsamen Schirmherrschaft von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und des Präsidenten der Italienischen Republik Sergio Mattarella und wird im Anschluss im ADI Design Museum, Mailand, gezeigt.