AUSSTELLUNG
Alchimia hatte eine starke Wirkung wegen des Marginalen und der ungeheuren Kreativität. Deshalb ist die Designgruppe, 1976 in Mailand gegründet, für die heutige Designdiskussion relevant – wie die Schau „Alchimia. Die Revolution des italienischen Designs“ im Berliner Bröhan Museum unterstreicht.
Mehr Irrationalität und Surrealismus wagen, mehr Humor und Albernheit auf höchstem Niveau; so wie es Peter Fischli und David Weiss, Erwin Wurm, Roman Signer, Henrike Naumann oder Isa Genzken in der Kunst geschafft haben. Abseits der Produktion denken und trotz allem inklusiv und partizipativ. Das wäre wohltuend für uns heute.
Die Designgruppe gehörte nicht zum Mainstream des Designs der späten 1970er und frühen 1980er Jahre. Alchimia hatte aber eine starke Wirkung, gerade wegen dieser Marginalität und der ungeheuren Kreativität. Nur deshalb ist Alchimia, 1976 von Alessandro Guerriero und seiner Schwester Adriana in Mailand gegründet, für die heutige Designdiskussion relevant. Ansonsten sind die Objekte weitgehend musealisiert.
Der Subkultur nahe
Das Design von Alchimia, denen sich Designer wie Andrea Branzi, Michele De Lucchi, Alessandro Mendini oder Ettore Sottsass anschlossen, war inhaltlich näher an der Musik im Stile von „Geniale Dilettanten“ (Subkultur-Konzert Konzert in Berlin, 1981) dran als am Design der Möbelhersteller Cappellini oder Rolf Benz. Funktionalistisches Design geriet in den 1970ern in eine Sinnkrise. Genauso ging es der bis dahin dominierenden Minimal Art und der Conceptual Art. Deren Vertreter*innen waren zur Provokation beziehungsweise mit eigenen Welterklärungsmodellen angetreten, lieferten nun aber nur noch das Erwartbare. Was war berechenbarer als Minimal Art? Was war formal prognostizierbarer als klassisches funktionalistisches Design? Das führte schlussendlich zu gähnender Langeweile.
Bewegung jenseits der Avantgarden
Kein Wunder also, dass im Ausgang der 1970er Jahre in der Kunst das Emotionale eine Renaissance erlebte, das Farbige, das Geniale. Der italienische Kunstkritiker Achille Bonito Oliva proklamierte den Beginn einer Transavantguardia, also einer Bewegung jenseits der Avantgarden. Auf diesen italienischen Urknall folgten in Deutschland die Neuen Wilden, in Frankreich die Figuration Libre und in den USA der Neo-Expressionism – ausgedrückt in schnell produzierter, meist figürlicher, vielfarbiger, oft ironischer und weitgehend unkritischer Malerei.
Referenzen von Art Déco bis Pop
In dieser Zeit entstand auch die Gruppe Alchimia. Ihr Ansatz war vollkommen anders als alles, was zu dem Zeitpunkt im Design zu sehen war. Formal stammten Ornament und Farbigkeit aus vielen früheren und weit voneinander entfernten Quellen. Erstens dem sogenannten tschechischen Kubismus. Er selbst war bereits eine eklektische Bewegung und kombinierte kubistische Elemente mit Merkmalen des Art Déco, so wie man es heute noch in und um Prag herum vorfindet. Die Designer*innen von Alchimia könnten die bunt strahlenden Jugendstil Keksdosen von Emanuel Josef Margold und Ella Margold-Weltmann für Bahlsen gesehen haben. Die Einflüsse sind eklektisch. Diese Eklektik war einer der Treiber der Gestaltung von Alchimia. In der Farbigkeit und der klaren Linie könnten auch die Comics von Hergé herangezogen werden. Ohne das Cover der LP Aladdin Sane von David Bowie (1973) sind die Körperbemalungen von Alessandro Guerriero (1986) ebenfalls undenkbar.
Alchimia speiste sich durch und integrierte gleichzeitig die Transavantguardia. Die Gruppe wagte gegenüber ihrem gesamten Designumfeld mehr Irrationalität, mehr Humor. Sie erinnert mehr an die Kunst von Mimmo Paladino und Sandro Chia als an Richard Sapper oder Wilhelm Wagenfeld. Die zentrale Botschaft war: Eine andere, eigenständige Realität ist möglich. Alchimia verstand sich insofern nicht als Designstudio, sondern als Labor für experimentelles, sinnliches Design abseits der industriellen Massenproduktion und war besonders bekannt für ironische, verspielte Werke. Die bekanntesten Serien waren die Kollektionen „Bau.Haus 1“ (1978) und „Bau.Haus 2“ (1979), die international Beachtung fanden und in mehreren Ausstellungen zu sehen waren.
Alchimia und die Revolution
Auch der Begriff „Alchimia“ beziehungsweise „Alchimie“ ist ein Name, der nicht weiter entfernt sein könnte von Rationalität, Logik, Klarheit, Eindeutigkeit. Ein elementarer Unterschied zwischen der Transavantguardia-Malerei und Alchimia war, dass letztere Weiches und Ineinanderfließendes nicht duldete. Alchimia verstand sich dennoch als Revolution. Und sie richtete sich, bei aller sonstigen Ironie, sehr ernst gegen den Krieg: „Non fare le guerre. Decorare senza paura. Cercare solo la bellezza!“ (Führe keine Kriege. Dekoriere ohne Furcht. Suche nur das Schöne!). Dies war in Italien eine klare Positionierung gegen die vielleicht wichtigste italienische Avantgarde: die Futuristen. Im Manifest des Futurismus, 1909 verfasst von Filippo Tommaso Marinetti, steht unter Punkt 9: „Wir wollen den Krieg verherrlichen – diese einzige Hygiene der Welt –, den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes.“ Mit diesen Schundideen wollte Alchimia, als Avantgarde absolut nichts zu tun haben. Dies erklärt auch ihr Antikriegs-Statement.
Design als Befreiungsakt
Interessant ist allerdingt, was Alchimia als Alternative anbietet: Eine Idee, die auch von den kalifornischen Hippies der 1960er Jahre stammen könnte. „Decorare senza paura.“ Angstfrei dekorieren. Was bedeutet das? Das war zu einer Zeit als Adolf Loos’ „Ornament und Verbrechen“ zur Grundlektüre im Designstudium gehörte, unerhört. Angstfrei zu dekorieren, war ein Befreiungsakt. „Cercare solo la bellezza!“ Und nur die bellezza suchen, also zunächst auf Schönheit schauen, dann nach Funktion, das ging und geht zumindest an deutschen Designschulen gar nicht – Schönheit um der Schönheit willen.
Wie so oft, können wir auf den Ideenschatz von Ray und Charles Eames zurückgreifen. 1957 präsentierten die Eames eine solarbetriebene Maschine, deren Farb- und Formenspiel das Folgende tat: NICHTS. Sie war einfach nur wunderschön. Ihr Name: „Solar Do-Nothing Machine“. In diesem Sinne bestimmt eine Vorläuferin der Welt der Dinge von Alchimia.
„Alchimia. Die Revolution des italienischen Designs“
Kuratiert von François Burkhardt und Tobias Kollmann
Bröhan-Museum, Berlin
Noch bis 07. September 2025
www.broehan-museum.de
Die Ausstellung läuft unter der gemeinsamen Schirmherrschaft von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und des Präsidenten der Italienischen Republik Sergio Mattarella und wird im Anschluss im ADI Design Museum, Mailand, gezeigt.