2017 hat der DDC Stefan Diez als neues Ehrenmitglied ernannt. Als Freund der klaren Worte erklärt Diez im Gespräch, was Design aus Deutschland bitter nötig hätte.

Bild: Gerhard Kellermann

Du beschäftigst dich stark mit den Herausforderungen des Industriedesigners in Zeiten der Digitalisierung. Wie hat sich die Rolle im Laufe deiner Karriere verändert?
Die Digitalisierung hat in erster Linie die Kommunikation zwischen Menschen verändert. Leute, die weit voneinander entfernt sind, können heute gemeinsam an einem Projekt arbeiten. Bilder und Zeichnungen kann man elektronisch versenden. Die technische Zeichnung wurde abgelöst vom digitalen Modell, das sämtliche Informationen über alle Baugruppen hinweg als Datensatz beinhaltet. Das hatte die Umstrukturierung ganzer Firmen zur Folge: Viele Design-Abteilungen und oft auch die Produktion wurden ausgegliedert. Firmeneigenes, ehemals proprietäres Wissen ist mittlerweile global abrufbar. Viele der Firmen, mit denen wir zusammenarbeiten, haben heute kaum spezielle Herstellungskompetenzen. Daher hängt die Qualität unserer Arbeit oft davon ab, inwieweit es uns gelingt, die richtigen Hersteller-Firmen, also solche mit speziellem Wissen über einen bestimmten Herstellungsprozess mit der Verleger-Firma für ein Projekt zusammenzubringen. Es geht um einen echten »collaborative act«. Wir entwerfen nicht Formen, sondern meistens eher den Produktionsprozess und kümmern uns bis hin zur Abnahme der Nullserie, wie zum Beispiel bei New Order für Hay. Das sind nicht nur Lasten, sondern auch Chancen für Designer.

Die bisherige Beziehung zwischen Designer, Hersteller und Konsument verändert sich gerade extrem. Der Produktionsprozess geht immer stärker auf den Konsumenten ein. Digitale Maschinen können maßgeschneiderte Produkte kostengünstig und schnell herstellen. Wird der Autorendesigner in Zukunft noch gefragt sein?
Den Autorendesigner, so wie wir ihn bislang kennen, wohl eher nicht. In dem Maße, in dem man auf das Wissen und die Fähigkeiten anderer Leute zurückgreift, kann man nicht all die Leistungen auf eine Person beziehen. Die Credits gehen an das Netzwerk. Der Autorendesigner beruht auf der Vorstellung, dass ein Designer, dem Künstler ähnlich, einen Entwurf skizziert, die sein Hersteller ausprobiert, weiterentwickelt, ausreift und schließlich in Serie produziert. Das gibt es immer weniger. Vielleicht ist der Designer in Zukunft eher ein Dirigent.

Fast schon eine Ikone: der „Houdini Chair“ von Stefan Diez für e15. Bild: Diez Office

Von 2007 bis 2014 warst du Professor für Industriedesign an der HfG Karlsruhe. 2015 hast du dann ein kurzes Gastspiel an der Universität in Lund, Schweden, gegeben. Nun bist du Leiter des Fachbereichs für Industriedesign an Der Angewandten in Wien. Was vermittelst du dem Nachwuchs?
Es ist lange Zeit verpasst worden, dem Nachwuchs klar zu machen, dass sie für die Avantgarde zuständig sind. Stattdessen bereitet man sie darauf vor, Beistelltische auf dem Salone Satellite vorzustellen, die man möglichst sofort und mit wenig Aufwand umsetzen kann. Studenten müssen nicht bequeme Lösungen für die Möbelindustrie anbieten, die keinem weh tun. Wir werden den Fokus weniger auf Möbel legen, sondern eine ganze Reihe Themen behandeln, von denen ich der Meinung bin, dass man sich mit ihnen beschäftigen sollte. Wir werden stark auf Kooperationen setzen, um mit komplexeren Themen zurechtzukommen.

In Zeiten einer globalisierten, digitalen Welt verwässert der Designbegriff. Hella Jongerius spricht in ihrem Manifest sogar von einem »Verlust alter Ideale«: Es brauche eine neue Haltung in einer Welt des Überflusses. Wie kann diese Haltung, dieses neue Ideal aussehen?
In der Zukunft könnte es darum gehen, komplexere, anspruchsvollere Aufgaben über die Möglichkeiten des vernetzten Arbeitens gemeinschaftlich in zugängliche, begehrliche Produkte zu übersetzen. Ich sehne mich nach der Schönheit in der Logik, bin neugierig darauf, wie Komplexität zu etwas Positivem werden kann. Auch weil es dem visuellen Verschleiß der Produkte entgegentritt. Produkte unserer Zeit sollen aus den Möglichkeiten, die unsere Zeit bietet, erschaffen werden.

Deine Schau »Full House« Anfang 2017 im MAKK in Köln markierte einen wichtigen Höhepunkt deiner Karriere. Nun bist du Ehrenmitglied im DDC. Kannst du dich jetzt zurücklehnen?
Wir haben für unser Studio einen Bereich entdeckt, der uns die nächsten Jahre sehr beschäftigen wird. Ich habe immer Wert daraufgelegt, unsere Möglichkeiten so auszunutzen, dass man an die Grenzen kommt. Auch die Professur in Wien ist nicht ohne Aufwand zu machen. Am Fachbereich studieren 80 Studenten, das Team am Fachbereich besteht aus 10 – 12 Leuten. Von Zurücklehnen ist nicht die Rede, es ist eine theoretische Möglichkeit, die mich nicht interessiert.

Alle sprechen von Nachhaltigkeit. Was ist deine Antwort darauf?
Ich glaube, dass die wenigsten Firmen in der Lage sind, auch nur ansatzweise zu skizzieren, wie groß der CO2-Fußabdruck ihrer Produkte tatsächlich ist. Ikea kann sich das nicht leisten. Sie sind daran interessiert, Produkte zu machen, die die Umwelt so wenig wie möglich belasten. Ein Tisch von e15 verbraucht bei der Herstellung natürlich mehr an Ressourcen als ein »Minimal«-Produkt von Ikea. Allerdings hält er ewig – und das ist am Ende nachhaltig. Beide Firmen arbeiten nach völlig unterschiedlichen Prinzipien, beide in sich schlüssig. Und beide können auf ihre Art nachhaltig sein. Das Problem ist nur, wenn Leute sich einen Ikea-Tisch für 100 Euro leisten und dadurch 4.000 Euro für eine Fernreise übrig haben ... was hat es dann für die CO2-Bilanz gebracht? Es geht um Wertschöpfungsketten im Allgemeinen. Man kann sich für das übrige Geld natürlich auch biologisch hergestellte Lebensmittel kaufen. Es gibt keine einfache Antwort.

Nach wie vor behält Dieter Rams in vielen Punkten seiner »Zehn Thesen für gutes Design« Recht. Unsere Vorstellung von Luxus sollte eine andere werden. Wenn der Preis der Produkte alle Kosten inkludierte, die durch dessen Auswirkungen auf die Gesellschaft und Umwelt entstehen, dann hätte man die meisten Probleme vermutlich bald beseitigt.

»Ich sehne mich nach einer Schönheit in der Logik, bin neugierig darauf, wie Komplexität zu etwas Positivem werden kann.«

Du hast in deiner Rede zur 60. Deutschen Designdebatte in der Paulskirche von den europäischen Marktführern im High-End-Design gesprochen. Wird Europa auch in Zukunft noch maßgebend sein im internationalen Design?
Es ist nicht sicher, dass wir die Führerschaft behalten werden. Vor fünfzehn Jahren waren noch europäische Firmen führend im Handymarkt. Heute sind sie es nicht mehr. Chinesische Produkte sind auf einem hervorragenden Level. Mittlerweile gibt es viele europäische Designer, die mit chinesischen Firmen zusammenarbeiten. Was wir in Europa aber im Vergleich zu anderen Ländern haben, sind außergewöhnliche und auch soziale Werte. Man wird sehen, welche Systeme kreativer sein werden.

Wie siehst du es bestellt um Design aus Deutschland?
Ich finde es schade, dass sich viele große Firmen aus dem B2C-Geschäft, der Herstellung von Alltagsprodukten, zurückziehen. Natürlich kann man Toaster auch in China herstellen. Ich wünschte mir, dass Deutschland mehr bietet als Möbel- und Automobildesign. Sondern Alltagsprodukte als Zeichen unserer Alltagskultur: Besteck, Korkenzieher, die Käsereibe, die Suppenschüssel. Die Branche für Konsumgüter und Elektronik ist schon länger tot in Europa... Wenn man unsere Produktkultur mit der in den 1950er bis 1980er Jahren vergleicht, ist wenig übrig geblieben.

 

Interview
Nicolas Markwald und Martina Metzner

Blick ins Diez Office

Begründung der Jury des DDC

»In selbstverständlicher Art und Weise verbindet Stefan Diez in seinen Entwurfs- und Entwicklungsprozessen handwerkliche Techniken und digitale Werkzeuge. In einer intensiven und experimentellen Auseinandersetzung mit den unterschiedlichsten Materialien und den damit verbundenen Verarbeitungsprozessen, untersucht Stefan Diez in seinen Arbeiten die jeweiligen Grenzen des technisch Machbaren. Seine Entwürfe zeichnen sich durch eine klare Linienführung und eine schlichte Optik aus. Hierbei steht aber nicht eine kühle und distanzierte Sachlichkeit im Vordergrund. Durch seinen charmanten bis humorvollen Umgang mit Materialien und der jeweiligen Formgebung, weisen seine Produkte für den Benutzer etwas Nahbares auf, ohne sich dabei selber aufzudrängen. Es entstehen präzise und zeitlose Produkte, die sich nicht einem festgeschriebenen Stil, einem angesagten Trend oder geschlossenen Zielgruppen unterordnen.«


Stefan Diez, *1971

Hineingeboren in eine Familie von Schreinern, absolvierte Stefan Diez zunächst eine Tischlerlehre, um dann an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart Industriedesign zu studieren. Als Student arbeitete er bei Richard Sapper, später bei Konstantin Grcic. Das Diez Office besteht aus einem interdisziplinärem Team, das Möbel und Geschirr, Besteck oder Accessoires für Firmen wie e15, Emu, Authentics, Hay, Ikea, Rosenthal, Thonet, Vibia, Wilkhahn hervorgebracht hat. Daneben ist Stefan Diez auch in der Lehre tätig: Nach Stationen an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, der School of Industrial Design in Lund in Schweden und der Kunsthochschule Kassel, ist er seit diesem Jahr leitender Professor für Industrial Design an der Universität für angewandte Künste in Wien.