Projekt „Inter-, Trans -and InBetween Fashion“ mit KISD-Studierenden aus dem Jahr 2015 adressierte Mode für alle Körper und Geschlechter. Beitrag von Juliana Lumban Tobing, Inspiration: Origami (Detail). Bild © Juliana Lumban Tobing

DESIGN DISKURS

Gendersensibles Gestalten in der Praxis und die aktuelle Designlehre – darüber kann man sich trefflich mit Prof. em. Dr. Uta Brandes austauschen. Im Gespräch mit Judith Augustin (DDC) spricht die Design-Theoretikerin und Gender Design-Expertin über ihre Lehre, Widerstände und Leerstellen.

Veröffentlicht am 02.02.2026

Judith Augustin: Du bist 1995 als Professorin für Gender und Design sowie Designforschung an die KISD (Köln International School of Design) berufen worden, zu einem Zeitpunkt, als Genderfragen im Design weder institutionell noch curricular etabliert waren. Was hat dich aus Sicht der Hochschule für diese Professur qualifiziert, und was hast du selbst als deine eigentliche Qualifikation verstanden?

Uta Brandes: Die Professur entstand im Kontext eines Programms der damaligen Wissenschaftsministerin in Nordrhein-Westfalen, das gezielt den Mangel an Professorinnen adressierte. Hochschulen konnten sich auf Professuren mit Gender-Schwerpunkt bewerben – auch die KISD, die den Zuschlag erhielt. Im Design gab es damals kaum Bewusstsein für die Relevanz von Geschlecht. Gesucht wurde entweder eine Designerin mit sozialwissenschaftlicher Forschungskompetenz oder eine Sozialwissenschaftlerin mit Designkenntnissen. Als Soziologin und Sozialpsychologin hatte ich mich intensiv mit Design beschäftigt, unter anderem durch das Buch „Design als Gegenstand: der neue Glanz der Dinge“, das ich gemeinsam mit Michael Erlhoff veröffentlicht habe. Also habe ich mich beworben, wurde berufen und – was mich besonders freut – auch von den Studierenden auf Platz eins gewählt.

Judith Augustin: Du hattest meines Wissens die erste Professur für Genderfragen an einer Designhochschule im deutschsprachigen Raum inne.

Uta Brandes: Möglicherweise sogar weltweit – nach meinen Recherchen.

Prof. Dr. Uta Brandes, Bild © Ute Vogel

Judith Augustin: Dann gab es also keine Tradition und keine erprobten Curricula, auf die du dich stützen konntest. Wie bist du die Lerninhalte angegangen? 

Uta Brandes: Das Curriculum an der KISD war sehr offen, ich konnte mir die Inhalte selbst zuschneiden, solange Theorieformate, wissenschaftliche Seminare und Projektarbeiten enthalten waren. Anfangs ging es vor allem darum, überhaupt verständlich zu machen – für Studierende, aber auch für Kolleginnen und Kollegen –, warum Geschlecht im Design eine Rolle spielt. Ich habe versucht zu zeigen, dass schon der Begriff von Funktionalität historisch männlich geprägt ist und festlegt, was als funktional gilt und was als Dekoration. Das stieß zunächst auf großes Unverständnis. Meine Beispiele bezogen sich damals stark auf das Unterrepräsentierte, auf das Design von und für Frauen – bei gleichzeitigem Bewusstsein für die Vielfalt von Geschlechtern. Diesen Spagat versuche ich bis heute zu halten: gendersensibel zu arbeiten und zugleich Frauen gezielt zu fördern, weil sie nach wie vor benachteiligt sind. Das kennt ihr ja auch vom DDC Women’s Table, der heißt ja auch nicht Gender Table oder Diversity Table.

„Ich habe versucht zu zeigen, dass schon der Begriff von Funktionalität historisch männlich geprägt ist und festlegt, was als funktional gilt und was als Dekoration.“

Uta Brandes


Judith Augustin:
Die binären Ungleichheiten sind nach wie vor so groß, dass wir den Women’s Table bewusst so benennen – auch wenn wir mit Inklusion, Intersektionalität und Geschlechtergerechtigkeit arbeiten.

Uta Brandes: Ja, das geht mir eben auch immer noch so, selbst nach viel Erfahrung und natürlich Weiterentwicklung des Themas. 

Judith Augustin: Was war dein erstes Seminar? Mit welchen Methoden hast du unterrichtet? 

Uta Brandes: Methodisch habe ich den Studierenden vor allem Beobachtungsforschung vermittelt – verdeckte und offene Feld- und Laborforschung – weil sich diese Methoden besonders für Design eignen. Viele Aufgaben bezogen sich auf Alltagsbeobachtungen im öffentlichen Raum, etwa auf die Nutzung der damals neu gestalteten Fahrkartenautomaten der Deutschen Bahn. In vollen Bahnhöfen ließ sich gut beobachten, wie Menschen versuchten, damit umzugehen – ohne in ihre Privatsphäre einzugreifen.

Ein anderes Projekt entstand in Zusammenarbeit mit dem Büromöbelhersteller Wilkhahn. Dort war durchaus bekannt, dass sich Bürostühle aufgrund unterschiedlicher Körperbauten eigentlich nicht nach einem einzigen Standard gestalten lassen. Die Studierenden entwickelten daraufhin eine Art Zukunftsstudie. Sie analysierten Science-Fiction-Filme und Comics und untersuchten, wie in diesen Welten Sitzen, Körper und Technik gedacht werden. Daraus entstanden Konzepte für Sitzmöbel, die sich individuell einstellen lassen und nicht von einem normierten Körper ausgehen. Der Umweg über Science-Fiction war hier sehr produktiv – und visuell äußerst ergiebig.

Judith Augustin: Hat sich dein Lehrstuhl über die Zeit inhaltlich verändert – und wie hat sich parallel dazu das Verständnis von Geschlechtergerechtigkeit im Designfeld entwickelt?

 

Projekt „Inter-, Trans -and InBetween Fashion“: Beitrag von Annika Mechelhoff, Inspiration: Frank Gehrys Walt Disney Concert Hall. Bild © Annika Mechelhoff Projekt „Inter-, Trans -and InBetween Fashion“: Beitrag von Juliana Lumban Tobing, Inspiration: Origami. Bild © Juliana Lumban Tobing

Uta Brandes: Mit der Ausweitung des Geschlechterbegriffs hat sich das Feld deutlich erweitert, was insbesondere in der empirischen Forschung eine erhöhte methodische Komplexität erzeugt. Gleichzeitig ist Gender heute als Begriff gesellschaftlich angekommen. Damit sind sowohl ein größeres Interesse – auch seitens Unternehmen – als auch verstärkte Ablehnung und Aggressionen sichtbar geworden. Besonders ermutigend finde ich jedoch, dass Studierende aller Geschlechter das Thema als relevant erleben und sich mehr Auseinandersetzung wünschen. Das stimmt mich vorsichtig optimistisch.

Ein späteres Projekt beispielsweise entstand zu einem Zeitpunkt, als Diskurse zu Trans*, Inter* und LGBTQIA bereits deutlich präsenter waren. Gemeinsam mit den Studierenden habe ich ein Projekt zu trans- und intersensibler Mode entwickelt. An der KISD gibt es keinen eigenen Mode- oder Körper-Schwerpunkt, was ich immer bedauert habe, weil sich gerade daran sehr viel lernen lässt. Die Studierenden waren in diesem Feld also nicht ausgebildet – und haben sich dennoch mit großer Offenheit hineingearbeitet.

Heraus kamen sehr unterschiedliche, experimentelle Arbeiten: Eine Studentin übersetzte etwa die Architektur eines Gebäudes von Frank Gehry in Kleidung, eine andere arbeitete wochenlang mit Origami-Strukturen, die sich permanent verändern ließen. 

Judith Augustin: Gibt es heute dokumentiertes Material deiner Lehre – Publikationen, Archive, Seminarformate – auch für nachfolgende Generationen von Lehrenden und Studierenden?

Uta Brandes: An der KISD gibt es ein Archiv, das zum Jubiläum im Jahr 2025 neu aufgearbeitet wurde. Ich würde mir wünschen, dass zumindest Projekttitel, Themen und Abschlussarbeiten systematisch zugänglich gemacht werden. 

Judith Augustin: Nach deinem Weggang wurde die Professur nicht erneut besetzt.
Wie erklärst du dir diese Entscheidung? Und hast du versucht, darauf Einfluss zu nehmen, dass diese institutionelle Verankerung von Gender und Design bestehen bleibt?

„#040585“ von Kathrin Polo & Zoe Philine Pingel bezeichnet den blauen Farbton des Gewandes in der offiziellen RGB-Farbskala - die es tragende Person steht exemplarisch für die Vielfalt der Geschlechter. Bilder © Kathrin Polo, Zoe Philine Pingel

Uta Brandes: Nach meinem Weggang gab es mehrere Versuche, die Professur neu auszuschreiben, die jedoch scheiterten, weil es nicht gelang, ein fachlich überzeugendes Profil mit einer klaren strukturellen Verankerung zu verbinden. Statt die Professur konsequent weiterzuführen, verliefen die Verfahren im Sande und wurden schließlich aus anderen hochschulpolitischen Prioritäten heraus aufgegeben. Studierende protestierten dagegen mit Bannern, in deren Mitte Löcher waren – das fehlende Gender Design. Heute wird das Thema informell weitergetragen, aber ohne institutionelle Verankerung. Für mich ist unverständlich, warum ein international sichtbares Profilmerkmal aufgegeben wurde. Gender Design und Service Design waren zwei Bereiche, mit denen die Hochschule weltweit wahrgenommen wurde.

„Gender im Design muss so selbstverständlich werden wie Nachhaltigkeit oder Materialität.“

Uta Brandes


Judith Augustin:
Ich finde es auch waghalsig von der Hochschule, dass sie die Kompetenz, die sie über so viele Jahrzehnte hinweg aufgebaut hat, gerade jetzt nicht weiter nutzt. Wobei mich die Suche oder Nicht-Suche nach einer geeigneten Nachfolge, an vieles erinnert: zum Beispiel an die vielen Gremien und Podien, die vollständig männlich besetzt sind, mit der Begründung, die weiblichen Personen hatten alle keine Zeit oder ähnliches.

Uta Brandes: Ja, leider haben wir keine gefunden, keine.

Judith Augustin: Was würdest du aus deiner Sicht brauchen, um solche Perspektiven dauerhaft an Designhochschulen zu verankern? Also strukturell, nicht nur individuell, sodass es nicht nur an einer Person gebunden ist.

Uta Brandes: Auf allen Ebenen braucht es Sichtbarkeit: Namen, Medienpräsenz, Listen qualifizierter Personen. Mein großes Bestreben: Gender im Design muss so selbstverständlich werden wie Nachhaltigkeit oder Materialität.

Drei kurze Filme von Michelle Christensen und Florian Conradi (2017): typografische Projekte zu Typeface & Gender. Bild © Michelle Christensen, Florian Conradi

Judith Augustin: Kannst du einen Prozess für gendersensibles oder genderfluides Design beschreiben?

Uta Brandes: Am Anfang steht das Bewusstsein für Geschlecht als relevante Kategorie. Ideal sind gemischte Teams mit unterschiedlichen Hintergründen. Wenn man beginnt, genau hinzusehen, fällt viel auf. Gegenstände – besonders Autos – sind zum Beispiel oft bewusst mit Gesichtern, mit Raubtier- oder Kindchenschemata gestaltet. Wenn die Wahrnehmung einmal da ist, verändert sich der Blick dauerhaft. Das ist Erfolg.

Judith Augustin: Machst du einen Unterschied zwischen feministischem Design und gendersensiblen Design?

Uta Brandes: Ich verstehe mich als Feministin, spreche im Design aber lieber von gendersensiblem Design, weil es offener ist. Bei unserem iphigenia Award des International Gender Design Network (iGDN) werden auch Gestalter*innen ausgezeichnet, die sich nicht als feministisch verstehen, aber sehr offene, fluide und inklusive Dinge gestalten.

KISD-Projekt von Günes Aksoy und Keren Rothenberg (2014): Eine ironische Betrachtung der Menschen aus der Logik der Tiere. Bilder © Günes Aksoy, Keren Rothenberg

Judith Augustin: Du bist gerade nicht so leicht zu erwischen: Als ich das Interview mit dir angefragt habe, warst du gerade in Japan. Was interessiert dich heute besonders?

Uta Brandes: Früher bin ich wesentlich mehr gereist, mit Partnerhochschulen quasi in aller Welt. Ich war spezialisiert auf Asien. Heute reise ich weniger, mache aber immer noch viel, gebe Bücher heraus, schreibe Artikel und Vorträge. 

Judith Augustin: Das jüngste Projekt von Sophie Dobrigkeit und mir ist die Women’s Design Academy, die zur World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 eröffnet. Was wünschst du dir für eine Women's Design Academy?

Uta Brandes: Ich finde es großartig, das im Rahmen eines großen Events zu etablieren. Entscheidend wäre eine Verstetigung: eine echte Akademie mit Standort, Förderung und langfristiger Wirkung. Das braucht Mittel, Öffentlichkeit und Unterstützung. Denn der Ansatz ist wunderbar und sehr wichtig.

Judith Augustin: Vielen Dank! Jetzt noch unsere übliche Anschlussfrage: Was ist gut? 

Uta Brandes: Dass das Interesse an gendersensiblem Design steigt, besonders auch bei jungen Menschen. Und dass es inzwischen einige erfolgreiche Role Models gibt. Das ist gut.

Prof. em. Dr. Uta Brandes

hatte von 1995 bis 2015 die erste Professur für Gender und Design in Deutschland inne. Sie ist Design-Expertin, Theoretikerin, prägte mit dem Designtheoretiker Michael Erlhoff (2021 verstorben) den Begriff des Non Intentional Design (NID). Brandes ist Kuratorin und Autorin zahlreicher Publikationen sowie Gründerin des iGDN – International Gender Design Network e.V. Mit Judith Augustin gemeinsam war sie Vorstand des Rats für Geschlechtergerechtigkeit und LGBT*IQ im Deutschen Designtag.

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