DESIGN DISKURS

Ra­shid Owoye­le ist trans­dis­zi­pli­nä­rer De­si­gner*in, Ex­pert*in für so­zia­le In­no­va­ti­on und For­scher*in. In ei­nem In­ter­view mit Prof. Dr. Fe­lix Ko­sok spricht Owoye­le über die man­geln­de Ri­si­ko­be­reit­schaft in Deutsch­land, wie Di­ver­si­tät neu de­fi­niert wer­den kann und wie De­sign zu ei­ner Kraft für mehr Ge­rech­tig­keit wer­den kann.

Veröffentlicht am 01.10.2025
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Prof. Dr. Felix Kosok: Ra­shid, fan­gen wir mit dir an. Dein Weg zum trans­dis­zi­pli­nä­ren De­sign ist in­ter­es­sant. Könn­test du uns et­was dar­über er­zäh­len, wie du da­zu ge­kom­men bist – dein Fo­kus auf so­zia­le In­no­va­ti­on und Ser­vice-De­sign und wie sich das mit Ge­mein­schaf­ten und De­mo­kra­tie über­schnei­det?

Ra­shid Owoye­le: Ich be­gann mich für Um­welt­wis­sen­schaf­ten zu in­ter­es­sie­ren, die mich zu The­men der öf­fent­li­chen Ge­sund­heit führ­te – wo ich be­gann, die Gren­zen tra­di­tio­nel­ler Dis­zi­pli­nen in Fra­ge zu stel­len. Schlie­ß­lich schrieb mich für ein Gra­du­ier­ten­pro­gramm an der New School in New York ein, ge­nau zur Zeit von Oc­cu­py Wall Street. Dort muss­te ich als „Nicht-De­si­gner” her­aus­fin­den, was ich zu bie­ten hat­te.

Die De­si­gnaus­bil­dung war sehr wett­be­werbs­in­ten­siv, aber die­ser Druck mo­ti­vier­te mich, mich dar­auf zu kon­zen­trie­ren, wie De­sign – ins­be­son­de­re so­zia­le In­no­va­ti­on – so­wohl öko­lo­gi­sche als auch so­zia­le Un­ge­rech­tig­kei­ten be­kämp­fen kann. 2015 zog ich nach Ber­lin, be­gann als Be­ra­ter*in für gro­ße Un­ter­neh­men zu ar­bei­ten und stieß er­neut auf sys­te­mi­sche Gren­zen – dies­mal durch den Ka­pi­ta­lis­mus selbst. Da­mals wur­de wirt­schaft­li­che Ge­rech­tig­keit zum drit­ten Schwer­punkt mei­ner Ar­beit. Heu­te be­trach­te ich öko­lo­gi­sche, so­zia­le und wirt­schaft­li­che Ge­rech­tig­keit als mit­ein­an­der ver­bun­den und un­ver­zicht­bar für die Ge­stal­tung ei­ner le­bens­wer­ten Zu­kunft.

Rashid Owoyele lebt und arbeitet als transdisziplinärer Designer*in in Berlin. Bild © Rashid Owoyele

Prof. Dr. Fe­lix Ko­sok: Das ist in­ter­es­sant. Kon­zen­trie­ren wir uns zu­nächst auf ein kon­kre­tes Pro­blem: die De­si­gnaus­bil­dung. In­wie­fern un­ter­schie­den sich dei­ne Er­fah­run­gen in den USA von de­nen in Deutsch­land? Oder gab es ähn­li­che Macht­struk­tu­ren und Frus­tra­tio­nen?

Ra­shid Owoye­le: Es ist schwer, all mei­ne Er­fah­run­gen in ei­ner Ant­wort zu­sam­men­zu­fas­sen – ich ha­be mit Tau­sen­den von Fach­leu­ten aus ver­schie­de­nen Be­rei­chen zu­sam­men­ge­ar­bei­tet. Aber ei­nes ist klar: Es be­ein­flusst, wie viel psy­cho­lo­gi­sche Si­cher­heit in krea­ti­ven Räu­men herrscht – wie frei sich Men­schen füh­len, Ri­si­ken ein­zu­ge­hen oder an­ders zu den­ken.

Nach zehn Jah­ren in Deutsch­land ha­be ich das Ge­fühl, dass es in den In­sti­tu­tio­nen ei­ne Kri­se der Vor­stel­lungs­kraft gibt. Aber um es klar zu sa­gen: Ich be­haup­te nicht, dass Deut­sche nicht krea­tiv sind – ganz im Ge­gen­teil. Ich mei­ne da­mit, dass es ei­ne tief ver­wur­zel­te An­nah­me gibt, dass be­stimm­te Sys­te­me so blei­ben müs­sen, wie sie sind. Die­se Ri­gi­di­tät ist die ei­gent­li­che Kri­se. Es gibt ei­ne Ab­nei­gung, neue Mo­del­le aus­zu­pro­bie­ren, es sei denn, sie sind voll­kom­men ef­fi­zi­ent oder ska­lier­bar. Wenn wir uns je­doch nur auf Ge­schäfts­er­geb­nis­se kon­zen­trie­ren, ver­ges­sen wir die Men­schen, das Wohl­be­fin­den und die um­fas­sen­de­ren Sys­te­me, von de­nen die­se Er­geb­nis­se ab­hän­gen. Des­halb ist Trans­dis­zi­pli­na­ri­tät für mich ein po­li­ti­sches State­ment.

„Es gibt ei­ne Zu­rück­hal­tung, neue Mo­del­le aus­zu­pro­bie­ren, wenn sie nicht voll­kom­men ef­fi­zi­ent oder ska­lier­bar sind.“

Prof. Dr. Fe­lix Ko­sok: Du hast in vie­len ver­schie­de­nen Kul­tu­ren ge­ar­bei­tet. Wie ha­ben die­se Er­fah­run­gen dei­ne De­sign­pra­xis ge­prägt, ins­be­son­de­re im Hin­blick auf das En­ga­ge­ment in der Ge­mein­schaft?

Ra­shid Owoye­le: Auch das lässt sich schwer zu­sam­men­fas­sen, aber ich ha­be Fol­gen­des be­ob­ach­tet – viel­leicht ist es mei­ne vor­ein­ge­nom­me­ne Mei­nung, aber ich sa­ge es trotz­dem. Je pri­vi­le­gier­ter je­mand ist, des­to we­ni­ger ist er be­reit, Raum für ech­te Ver­än­de­run­gen zu schaf­fen. Wenn man von ei­nem Sys­tem pro­fi­tiert, ist man we­ni­ger ge­neigt, sich ein an­de­res vor­zu­stel­len. Und je län­ger je­mand als „Ex­per­te” gilt, des­to star­rer wird sein Den­ken. Die­se Art von Gate­ke­eping ver­hin­dert Fort­schritt.

Wir müs­sen Ver­än­de­run­gen zu­las­sen, um zu se­hen, was funk­tio­niert und was nicht. So­lan­ge wir in die­sen star­ren Denk­mo­del­len ver­haf­tet blei­ben, ist es für al­le, die nicht an der Spit­ze ste­hen, die Höl­le. Des­halb kon­zen­triert sich mei­ne Ar­beit auf die Ar­bei­ter­klas­se – die Mehr­heit der Men­schen welt­weit.

Prof. Dr. Fe­lix Ko­sok: Und wel­che Er­fah­run­gen hast du mit dem En­ga­ge­ment in der Ge­mein­schaft ge­macht? Wann ist es er­folg­reich und wann schei­tert es?

Ra­shid Owoye­le: Es ist er­folg­reich, wenn es Res­sour­cen gibt, um es lang­fris­tig auf­recht­zu­er­hal­ten. Ei­ne der grö­ß­ten Her­aus­for­de­run­gen be­steht mei­ner Mei­nung nach dar­in, dass vie­le In­itia­ti­ven – ob­wohl sie ei­nen er­heb­li­chen Mehr­wert für die Zi­vil­ge­sell­schaft bie­ten – nicht auf selbst­tra­gen­den Mo­del­len ba­sie­ren. In­fol­ge­des­sen wer­den die­se In­sti­tu­tio­nen und ih­re Ar­beit für ih­re Ge­mein­schaf­ten oft von ex­ter­nen Kräf­ten und Ent­schei­dungs­trä­gern ab­hän­gig. Dies führt uns zu­rück zu ei­ner um­fas­sen­de­ren Fra­ge über die Wirt­schaft und dar­über, wie wir die Struk­tu­ren ge­stal­ten, die krea­ti­ves Schaf­fen un­ter­stüt­zen. Letzt­end­lich geht es dar­um, Be­din­gun­gen zu schaf­fen, die es De­si­gner*in­nen er­mög­li­chen, sich sinn­voll an der Ge­stal­tung und dem Auf­bau der Zu­kunft zu be­tei­li­gen.

Mit seiner Agentur Transekt bietet Owoyele Lernerfahrungen, Innovationsprogramme und Forschung in den Bereichen neue Arbeit, Organisationsdesign, Genossenschaftswesen, Staatskunst und anderen Themen, die für soziale Innovation relevant sind. Bild © Rashid Owoyele

Prof. Dr. Fe­lix Ko­sok: Mit wel­chen Stra­te­gi­en stellst du ei­ne ech­te Be­tei­li­gung an Co-Crea­ti­on-Pro­zes­sen si­cher? Was hilft dei­ner Er­fah­rung nach den Men­schen, sich fä­hig und be­fä­higt zu füh­len, die­sen Raum zu be­tre­ten?

Ra­shid Owoye­le: Ich den­ke, der Be­griff „Stra­te­gi­en” hat meh­re­re Ebe­nen. Je nach Kon­text kann er ei­ne Rei­he von In­stru­men­ten oder An­sät­zen be­deu­ten. Ich ver­su­che, me­tho­den­un­ab­hän­gig zu sein. Ich ver­wen­de das, was die Men­schen, mit de­nen ich ar­bei­te, an­spricht. Ver­schie­de­ne Dis­zi­pli­nen brin­gen un­ter­schied­li­che kul­tu­rel­le Er­war­tun­gen mit sich – man­che Men­schen ha­ben bei­spiels­wei­se ei­ne star­ke Ab­nei­gung ge­gen spie­le­ri­sche oder krea­ti­ve Übun­gen. Je­man­den zu bit­ten, ein Sto­ry­board zu zeich­nen, kann bei­spiels­wei­se ech­te Ängs­te aus­lö­sen, weil ihm bei­ge­bracht wur­de, Zeich­nen als et­was zu be­trach­ten, das er „nicht gut kann” oder „nicht darf”. Des­halb ist das Ver­ler­nen ein so wich­ti­ger Teil des Pro­zes­ses. Es geht dar­um, ei­nen Raum zu schaf­fen, in dem Men­schen sich wie­der mit Fä­hig­kei­ten ver­bin­den kön­nen, die ih­nen mög­li­cher­wei­se durch Dis­zi­pli­nie­rung ab­ge­wöhnt wur­den.

„Partizipation sollte eine nachhaltige Investition aller Beteiligten erfordern.“

Ei­ne der wich­tigs­ten Lek­tio­nen, die ich in den letz­ten 15 Jah­ren mei­ner Ar­beit in der Com­mu­ni­ty ge­lernt ha­be, ist, dass ech­te Be­tei­li­gung Ei­gen­ver­ant­wor­tung er­for­dert. Wenn Men­schen ih­re Rol­le in ei­nem Sys­tem nicht ak­tiv wahr­neh­men – wenn der Aus­tausch nicht ge­gen­sei­tig und sinn­voll ist –, kann man kaum von ech­tem En­ga­ge­ment spre­chen.

Das be­deu­tet auch, dass wir über­den­ken müs­sen, wie De­si­gner*in­nen mit den Ge­mein­schaf­ten um­ge­hen, mit de­nen sie ar­bei­ten. In Deutsch­land fin­de ich den Fo­kus auf Nut­zer- oder Kun­den­ori­en­tie­rung ziem­lich ein­schrän­kend. Die­se Be­grif­fe set­zen be­reits be­stimm­te Macht­ver­hält­nis­se vor­aus und po­si­tio­nie­ren De­si­gner*in­nen so, dass sie vor­de­fi­nier­te Be­dürf­nis­se be­die­nen, an­statt Mög­lich­kei­ten mit­zu­ge­stal­ten. Wenn wir die­se Dy­na­mi­ken nicht hin­ter­fra­gen, schrän­ken wir die Hand­lungs­fä­hig­keit des De­signs ein – und ver­pas­sen ei­ne ge­rech­te­re und fan­ta­sie­vol­le­re Zu­kunft.

Prof. Dr. Fe­lix Ko­sok: Ich den­ke, das hängt di­rekt mit den von dir er­wähn­ten Macht­ver­hält­nis­sen zu­sam­men. Oft han­deln De­si­gner*in­nen mit gu­ten Ab­sich­ten – sie se­hen sich selbst nicht als Ver­stär­ker die­ser Un­gleich­ge­wich­te. In die­sem Sin­ne: Was ist dei­ner Mei­nung nach die dring­lichs­te Her­aus­for­de­rung, wenn es dar­um geht, ech­te Viel­falt in die­sen Be­rei­chen zu er­rei­chen – und die Vor­ur­tei­le an­zu­ge­hen, die sie wei­ter­hin täg­lich prä­gen?

Ra­shid Owoye­le: Das ist viel­leicht nicht die po­pu­lärs­te An­sicht in ei­ni­gen Krei­sen, die sich mit Di­ver­si­tät, Gleich­be­rech­ti­gung und In­klu­si­on (auf Eng­lisch „di­ver­si­ty, equi­ty and in­clu­si­on“, kurz DEI) be­schäf­ti­gen, aber ich hal­te sie für wich­tig, wenn wir ech­te Ak­zep­tanz und be­deu­ten­de Ver­än­de­run­gen er­rei­chen wol­len. In den letz­ten Jah­ren ha­be ich mich da­mit be­schäf­tigt, wie wir Di­ver­si­tät, Gleich­be­rech­ti­gung und In­klu­si­on an­ge­hen kön­nen, oh­ne dass dies zu ei­ner Kul­tur­kampf-Dy­na­mik führt. All­zu oft wer­den DEI-Dis­kus­sio­nen durch Iden­ti­täts­po­li­tik so ge­prägt, dass sie emo­tio­na­le Re­ak­tio­nen aus­lö­sen und den Fort­schritt be­hin­dern.

„Können wir einfach gemeinsam Mensch sein – und uns dabei nicht wie Idiot*innen benehmen?“

Für mich be­steht die Her­aus­for­de­rung dar­in, neu zu über­den­ken, was wir ei­gent­lich un­ter „Viel­fal­t“ ver­ste­hen. Spre­chen wir nur über sicht­ba­re Iden­ti­täts­merk­ma­le – wie das Ge­schlecht – oder be­trach­ten wir et­was Tie­fe­res? Wenn die De­fi­ni­ti­on un­klar ist, bleibt zu viel Raum für emo­tio­na­le Span­nun­gen und Ab­wehr­hal­tun­gen. Wenn wir die Dis­kus­si­on je­doch in Rich­tung ei­nes Kon­zepts wie dem der in­sti­tu­tio­nel­len Viel­falt von Elea­nor Ostrom len­ken, kön­nen wir uns auf Sys­te­me und Struk­tu­ren statt auf in­di­vi­du­el­le Iden­ti­tä­ten kon­zen­trie­ren. Die­se Ver­schie­bung führt uns von „was ich ver­die­ne“ zu „was wir ver­die­nen“ – ei­ner kol­lek­ti­ven, men­schen­zen­trier­ten Sicht­wei­se.

Wenn wir dies auf die Ge­stal­tung von Or­ga­ni­sa­tio­nen, Richt­li­ni­en und Ko­ope­ra­ti­ons­räu­men an­wen­den, er­öff­net sich ei­ne ech­te Chan­ce, ge­rech­te­re Sys­te­me zu schaf­fen. Im Kern lau­tet die Fra­ge: Kön­nen wir ein­fach ge­mein­sam Mensch sein – und uns da­bei nicht wie Idi­ot*in­nen be­neh­men? Die­se Denk­wei­se ist mei­ner Mei­nung nach ent­schei­dend, um Ver­än­de­run­gen zu er­mög­li­chen, ins­be­son­de­re wenn wir star­re Rah­men­be­din­gun­gen über­win­den und Raum für ei­ne ge­mein­sa­me, in­klu­si­ve Zu­kunft schaf­fen wol­len.

Partizipation und Eigenverantwortung als Vorrausssetzung für Systemveränderungen. Bild © Rashid Owoyele

Prof. Dr. Fe­lix Ko­sok: Das ist ei­ne gro­ßar­ti­ge Über­lei­tung zum The­ma De­sign und De­mo­kra­tie. Frank­furt Rhein­Main wird 2026 un­ter dem Mot­to „ De­sign for De­mo­cra­cy. At­mo­s­phe­res for a bet­ter life” World De­sign Ca­pi­tal. Du hast dich mit der Idee be­schäf­tigt, De­mo­kra­tie zu ge­stal­ten – nicht nur für die De­mo­kra­tie, son­dern De­mo­kra­tie als et­was, das De­si­gner*in­nen mit­ge­stal­ten kön­nen. Wie siehst du das?

Ra­shid Owoye­le: Mir ist klar, dass ich über DEI ge­spro­chen ha­be und da­bei nur auf das „D” und das „E” ein­ge­gan­gen bin – Di­ver­si­tät und Gleich­heit. Aber Gleich­heit wirft im Zu­sam­men­hang mit der Ge­stal­tung von De­mo­kra­tie ei­ne grund­le­gen­de Fra­ge auf: Wem ge­hö­ren die Din­ge, die wir schaf­fen, und wer kon­trol­liert sie? So­lan­ge Men­schen in frag­men­tier­te Rol­len ge­zwängt sind – Ver­brau­cher*in­nen in ei­nem Be­reich, Ar­bei­ter*in­nen in ei­nem an­de­ren, Pfle­ge­kräf­te in ei­nem wei­te­ren – oh­ne sinn­vol­le In­te­gra­ti­on oder Hand­lungs­fä­hig­keit, sind wir in Macht­ver­hält­nis­sen ge­fan­gen, die uns von ech­ter De­mo­kra­tie und Selbst­be­stim­mung ent­fer­nen.

In­klu­si­on, das „I“ in DEI, wird oft dis­ku­tiert, oh­ne zu hin­ter­fra­gen, in was Men­schen ein­be­zo­gen wer­den. Wenn man Men­schen in Sys­te­me ein­lädt, die grund­le­gend aus­beu­te­risch oder to­xisch sind, ist das kei­ne sinn­vol­le In­klu­si­on. Bei der Ge­stal­tung von De­mo­kra­tie geht es al­so nicht nur dar­um, den Zu­gang zu be­ste­hen­den Struk­tu­ren zu er­wei­tern, son­dern die­se Struk­tu­ren ins­ge­samt neu zu den­ken. Wir brau­chen neue Pra­xis­sys­te­me, die ver­al­te­te Ma­nage­ment­model­le ab­leh­nen, die auf Kon­trol­le und Ma­ni­pu­la­ti­on ba­sie­ren, und statt­des­sen Trans­pa­renz, ge­mein­sa­me Ver­ant­wor­tung und Ver­trau­en för­dern.

Prof. Dr. Fe­lix Ko­sok: Und wel­che Rol­le spie­len De­si­gner*in­nen da­bei?

Ra­shid Owoye­le: De­si­gner*in­nen ar­bei­ten heu­te oft in In­sti­tu­tio­nen, die ih­re Fä­hig­keit, ech­te Ver­än­de­run­gen vor­an­zu­trei­ben, ein­schrän­ken. Un­se­re Auf­ga­be be­steht da­her nicht nur dar­in, in­ner­halb die­ser Sys­te­me zu ent­wer­fen, son­dern sie in Fra­ge zu stel­len und neu zu den­ken – um neue In­sti­tu­tio­nen auf­zu­bau­en, die Ex­pe­ri­men­tier­freu­dig­keit, Ge­rech­tig­keit und nach­hal­ti­ge Le­bens­grund­la­gen för­dern.

Ei­ne wich­ti­ge Ver­än­de­rung ist der Über­gang vom nutz­er­zen­trier­ten zum ar­beit­neh­mer­zen­trier­ten De­sign. In ei­nem Ka­pi­tel ei­nes Lehr­buchs zum The­ma Ser­vice-De­sign, das ich ge­mein­sam mit Lau­ra Pe­nin ver­fas­se, un­ter­su­chen wir, wie De­sign ei­ne ganz­heit­li­che­re Sicht­wei­se auf Men­schen ein­neh­men kann – nicht nur als Nut­zer*in­nen oder Ver­brau­cher*in­nen, son­dern als voll­wer­ti­ge In­di­vi­du­en mit un­ter­schied­li­chen Rol­len und Be­dürf­nis­sen.

„Je privilegierter jemand ist, desto weniger ist er bereit, Raum für echte Veränderungen zu schaffen.“

Neh­men wir zum Bei­spiel Da­ten – sie sind heu­te ei­ne der wert­volls­ten Res­sour­cen, doch Ein­zel­per­so­nen ha­ben kein ech­tes Ei­gen­tums­recht dar­an. De­si­gner*in­nen kön­nen da­bei hel­fen, Sys­te­me zu ent­wer­fen, in de­nen Men­schen die Kon­trol­le über ih­re Da­ten ha­ben und in de­nen die grund­le­gen­de di­gi­ta­le In­fra­struk­tur als ge­mein­sa­mes Gut be­han­delt wird. Das ist ei­ne gro­ßar­ti­ge Ge­le­gen­heit, De­sign zu ei­ner Kraft für mehr Ge­rech­tig­keit zu ma­chen.

Prof. Dr. Fe­lix Ko­sok: Lass uns über ein wei­te­res dei­ner The­men spre­chen: die De­ko­lo­nia­li­sie­rung der Kul­tur­pro­duk­ti­on. Wie kann man das über­haupt prak­tisch ver­mit­teln?

Ra­shid Owoye­le: Ich ha­be kei­ne per­fek­te Ant­wort dar­auf. Wie bringt man Men­schen da­zu, zu er­ken­nen, dass sie Teil ei­ner Ar­bei­ter­be­we­gung sind oder dass sie mehr Macht ha­ben, als sie den­ken? Und wie macht man das, wenn al­le Angst ha­ben, ih­ren Ar­beits­platz durch KI zu ver­lie­ren oder über­flüs­sig zu wer­den?

Wir wer­den oft da­zu ge­bracht, un­se­re ei­ge­ne Macht zu fürch­ten, und ge­ra­de im De­sign wächst die Angst, dass un­se­re Fä­hig­kei­ten über­flüs­sig wer­den – dass wir er­setzt oder zu­rück­ge­las­sen wer­den. Aber ich glau­be nicht, dass das der Fall ist. Tat­säch­lich wird die Fä­hig­keit, wie De­si­gner*in­nen zu den­ken – kri­tisch, krea­tiv und sys­te­misch –, mit der zu­neh­men­den Nor­ma­li­sie­rung aus­beu­te­ri­scher Tech­no­lo­gi­en noch wert­vol­ler wer­den. Wir brau­chen Men­schen, die den Sta­tus quo hin­ter­fra­gen, do­mi­nan­te ma­te­ri­el­le Rea­li­tä­ten in Fra­ge stel­len und sich bes­se­re Al­ter­na­ti­ven vor­stel­len kön­nen. Dar­in liegt das wah­re Po­ten­zi­al.

Rashid Owoyele ist Teil des Teams von Black in Tech Berlin, das sich mit der Unterrepräsentation schwarzer Fachkräfte in der Technologiebranche befasst. Bild © Emmanuel Nimo, Nimo Photography

Prof. Dr. Fe­lix Ko­sok: Ich stim­me voll­kom­men zu – und ich den­ke, die ei­gent­li­che Her­aus­for­de­rung be­steht nun dar­in, De­si­gner*in­nen so aus­zu­bil­den, dass sie sich selbst als Fach­kräf­te und nicht nur als Künst­ler*in, Ge­nies oder Un­ter­neh­mer*in­nen ver­ste­hen. Es geht dar­um, die Denk­wei­se da­hin­ge­hend zu ver­än­dern, dass wir un­se­re Rol­le in­ner­halb grö­ße­rer Sys­te­me ver­ste­hen und uns als mit­ein­an­der ver­bun­den be­trach­ten. Ich ha­be das Ge­fühl, dass sich lang­sam ein Wan­del voll­zieht. Kön­nen wir die­sen be­schleu­ni­gen?

Ra­shid Owoye­le: Ich wür­de mich sehr über die­sen Wan­del freu­en – aber ich glau­be, dass oft ei­ne wich­ti­ge Zu­tat fehlt: Raum für Fan­ta­sie. Psy­cho­lo­gi­sche Si­cher­heit ist ent­schei­dend – die Frei­heit, Ide­en aus­zu­pro­bie­ren, zu schei­tern und um­zu­den­ken. Oh­ne sie ist ei­ne ech­te Ver­än­de­rung in der Bil­dung schwie­rig. Das ist nicht nur ein deut­sches Pro­blem, aber hier ist es be­son­ders aus­ge­prägt. Wenn In­sti­tu­tio­nen den Men­schen wei­ter­hin das Ge­fühl ge­ben, un­si­cher oder ein­ge­schränkt zu sein, klam­mern wir uns an al­te An­nah­men dar­über, was gleich blei­ben muss. Das schränkt die Mög­lich­kei­ten ein.

Wir nei­gen auch da­zu, Ef­fi­zi­enz vor Ef­fek­ti­vi­tät zu prio­ri­sie­ren. Selbst die der­zei­ti­ge For­de­rung nach „Wir­kun­g“ ver­fehlt oft ihr Ziel, in­dem sie ver­sucht, die­se zu stan­dar­di­sie­ren, an­statt die Kom­ple­xi­tät zu ak­zep­tie­ren, die er­for­der­lich ist, um sys­te­mi­sche Ver­än­de­run­gen wirk­lich zu ver­ste­hen.

Prof. Dr. Fe­lix Ko­sok: Es kommt auf Vor­stel­lungs­kraft und Em­pa­thie an – be­reit zu sein, sich in die Per­spek­ti­ve ei­nes an­de­ren zu ver­set­zen und wirk­lich zu­zu­hö­ren.

Ra­shid Owoye­le: Ja, und ich den­ke, es gibt zu viel un­an­ge­brach­ten Druck, „al­les zu ver­ste­hen“ – da­bei liegt die wah­re Kraft dar­in, zu er­ken­nen, dass man das nicht kann. Des­halb ist ge­mein­schafts­ba­sier­tes und par­ti­zi­pa­ti­ves De­sign für mich so un­glaub­lich wich­tig. Es geht nicht dar­um, die Ex­per­tin oder der Ex­per­te im Raum zu sein – es geht dar­um, ge­mein­sa­mes Wis­sen zu för­dern, of­fen für das zu sein, was man nicht weiß, und Er­fah­run­gen au­ßer­halb der ei­ge­nen zu schät­zen.

Das ist die Ver­än­de­rung, die wir brau­chen: weg von dis­zi­pli­nier­tem Fach­wis­sen und hin zu De­mut, Of­fen­heit und Zu­sam­men­ar­beit. Nur dann kön­nen wir be­gin­nen, Sys­te­me und Er­fah­run­gen zu schaf­fen, die wirk­lich trans­for­ma­tiv sind.

Rashid Owoyele

ist ein*e ni­ge­ria­nisch-ame­ri­ka­ni­scher trans­dis­zi­pli­nä­rer De­si­gner*in, Ex­pert*in für so­zia­le In­no­va­ti­on und Wis­sen­schaft­ler*in, der/die seit 2015 in Ber­lin lebt. Mit dem Schwer­punkt auf der De­mo­kra­ti­sie­rung von De­sign und der För­de­rung kol­lek­ti­ver Ver­ant­wor­tung ver­bin­det ih­re Ar­beit Tech­no­lo­gie, so­zia­le Ge­rech­tig­keit und par­ti­zi­pa­ti­ve Prak­ti­ken, um ei­ne ge­rech­te Zu­kunft neu zu ge­stal­ten. Ra­shi­ds Ar­beit stellt kon­ven­tio­nel­le Macht­struk­tu­ren in Fra­ge und zielt dar­auf ab, Ge­mein­schaf­ten zu Ver­wal­tern ih­rer ei­ge­nen Zu­kunft zu ma­chen.