DESIGN DISKURS
Anja Lutz ist Gründerin und Kuratorin der Berliner Galerie A—Z Presents, die das kürzlich erschienene Buch über A—Z Presents als eine „Meta-Ebene zur kontinuierlichen Erforschung alternativer Denk- und Gestaltungsansätze im Grafikdesign“ versteht. Was die Grafikdesignerin mit diesem anspruchsvollen Konzept verbindet, nach welchen Kriterien sie Gäst*innen einlädt und welche weiteren Projekte sie über die Galerie hinaus verfolgt – darüber spricht Gerda Breuer mit ihr.
Gerda Breuer: Anja Lutz, du hast eine große Vielzahl von Projekten realisiert. 2006 hast du den Kunstbuchverlag The Green Box mitgegründet, hast über 100 Kunstbücher gestaltet, warst Initiatorin und Art-Direktorin des internationalen Kunst- und Designprojektes shift!. Du bist aber auch in der Lehre tätig, warst Gastprofessorin an der Amerikanischen Universität von Beirut, an der Burg Giebichenstein in Halle, Lehrbeauftragte an der Bauhaus Universität Weimar und dem Hyperwerk in Basel sowie Stipendiatin der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart und der Jan van Eyck Academie in Maastricht.
Heute interessiert uns die Galerie A—Z Presents in Berlin, die du 2019 gegründet hast. Wie sahen die Anfänge aus? Worin bestand dein Motiv, eine solch anspruchsvolle Galerie zu gründen und dann auch noch konzentriert auf Grafikdesign? Was steckt hinter dem Titel A—Z?
Anja Lutz: Meine persönliche Praxis im Grafikdesign bewegt sich zwischen Design und Kunst und mich haben schon immer Positionen im Grafikdesign interessiert und inspiriert, die sich jenseits des angewandten Designs bewegen. Das lässt sich auch auf mein Studium am London College of Printing (heute: University of the Arts London) und an der Jan van Eyck Academie zurückführen, wo Grafikdesign als transdisziplinäre Praxis vermittelt wurde. Aber wo sehen wir diese hybriden und transdisziplinären Positionen im Grafikdesign? Sie sind weder in Kunstmuseen zu sehen, und auch nicht in Designmuseen, die wiederum als Unterscheidung zur Kunst angewandte Projekte zeigen wie die „100 besten Plakate“ oder „Die Schönsten Deutschen Bücher“.
„Kommunikation findet sich überall.“
Anja Lutz
Mir fehlte ein Ort, an dem wir das konzeptionelle, inhaltliche und formale Potenzial von Grafikdesign erkunden können. Als wir 2019 mit dem Studio und dem Verlag in die Torstraße in Berlin-Mitte zogen, habe ich entschieden, den vorderen Raum, der auch von der Straße aus sichtbar ist, dafür zu nutzen. Der Name A—Z bezieht sich dabei zum einen auf die gesamte Bandbreite der Perspektiven, den Bezug zur Typografie, und dann ist es auch noch der erste und letzte Buchstabe meines Namens – ein Detail, auf das mich erst die befreundete Designerin Anette Lenz aufmerksam gemacht hat.
Für mich bot A—Z die Möglichkeit, all jene Designer*innen zu kontaktieren und einzuladen, die mich inspirieren und begeistern. Erst mal war das als zeitlich begrenztes Projekt von zwei Jahren geplant, eine Art Forschung, in der ich zehn unterschiedliche Perspektiven im Grafikdesign untersuchen und präsentieren wollte. Nun sind es schon sieben Jahre!
Gerda Breuer: Buchgestaltung und Typografie werden traditionell in ihrer dienenden Funktion gesehen. Designer*innen sind meist nur im Impressum eines Buches erwähnt. Wenn Gestaltung stärker in den Vordergrund rückt, kursieren Bücher häufig unter der Rubrik „Kunstbücher“ oder „Designbücher“. Du lotest nun das Verhältnis anders aus, sprichst sogar von „alternativen Denkansätzen“, die von Typografie inspiriert werden. Wie können wir das verstehen?
Anja Lutz: Grafikdesign lässt sich kurz gefasst als Kommunikation mit Schrift und Bild definieren. Das ist erst mal ein großes weites Feld, denn Kommunikation findet sich überall, sie bewegt, im Künstlerischen, im Politischen, im Zwischenmenschlichen… Dabei interessieren mich vor allem die Überlappungen mit anderen Disziplinen: Grafikdesign, das an der Schnittstelle zur Kunst, zur Forschung, zur Performance, Musik, Aktivismus und weiterem praktiziert wird. Visuelle Kommunikation, die sich interdisziplinär einbringt, um mit ihrem Können Sinnvolles beizutragen. Die zentrale Frage für mich ist, wie wir Grafikdesign, diese zentrale und wirkungsvolle Disziplin, kritisch weiterdenken und lebendig praktizieren können? Entgegen dem Trend der Spezialisierung, bin ich überzeugt, dass wir uns öffnen und uns über die Disziplinen hinweg zusammentun müssen, um die gesellschaftlichen, politischen und ökologischen Herausforderungen unserer Zeit anzugehen.
Gerda Breuer: Gibt es Kriterien, gibt es einen Fokus, wonach du deine Ausstellungen auswählst?
Anja Lutz: Es ist ein Privileg, dass ich mich erst einmal von meiner eigenen Begeisterung leiten lassen kann. Und ich begeistere mich für Arbeiten, die ganz eigene, oft ungewöhnliche Ansätze und Praktiken verfolgen, wie zum Beispiel die von The Rodina, die mithilfe von digitalen und analogen Interaktionen und Performances, Dialoge zu Themen wie den Arbeitsbedingungen von Designer*innen öffnet. Oder Inkahoots aus Australien, deren Arbeitsweise und Projekte sozial und politisch engagiert sind.
In den ersten Gesprächen mit den Designer*innen, habe ich nach jenen Projekten gefragt, die auf den Nägeln brennen, die angedacht in der Schublade liegen und die man schon immer mal realisieren wollte, aber noch keinen Anlass gefunden haben. Dadurch sind auch sehr persönliche Projekte entstanden, wie „Perhaps it’s not you, it’s me.“ von Lucienne Roberts, in dem sie ihr Verhältnis zu Grafikdesign als eine zwischenmenschliche Beziehung in der Krise reflektiert.
Wichtig war mir auch immer die Bandbreite von jungen und auch etablierten Designer*innen, sowie die verschiedenen kulturellen Hintergründe, wie sie zum Beispiel im Projekt „Revealing»Recording»Reflecting“, einem Forschungsprojekt zu Designerinnen aus dem arabischen und persischen Sprachraum, zu sehen waren. Auch ist mir die Anknüpfung an die historische Entwicklung wichtig und was wir von vorausgegangenen Generationen lernen können, wie zum Beispiel in dem Projekt „Feminist Findings“ oder der Präsentation von „Natural Enemies of Books – A Messy History of Women in Printing and Typography“ von MMS, wo auch du, Gerda, Teil des Symposium im Rahmen der „Counter Sessions“ bei A—Z im August 2022 warst.
Gerda Breuer: Mir fällt auf, dass du viele Frauen einlädst und zudem Frauen- beziehungsweise Geschlechterpositionen behandelst. Das ist auch in deinen Aktivitäten parallel zur Galerie zu erkennen, beispielsweise bei dem Projekt „I MISS YOU“, deinem Beitrag zur künstlerischen Gestaltung des Bauzauns rund um den Museumsneubau am Potsdamer Platz in Berlin. Kannst du davon berichten?
Anja Lutz: Als ich mir die ersten Gedanken zu A—Z machte, habe ich eine lange Liste erstellt, mit all den Designer*innen, die ich spannend, inspirierend und wichtig finde. Als ich mir anschließend die Liste anschaute, waren etwa die Hälfte der Namen von Frauen. Nicht, weil ich bewusst nach Frauen gesucht hätte, sondern weil es einfach so verdammt viele tolle Frauen im Grafikdesign (und auch in allen anderen Disziplinen) gibt!
Dass Frauen nach wie vor in vielen Bereichen unterrepräsentiert sind, ist ein inakzeptabler Missstand. Mein Wettbewerbsbeitrag für den 500 Meter langen Bauzaun des Berlin Modern am Potsdamer Platz bezog sich darauf, denn in der Sammlung der Neuen Nationalgalerie, die in den Neubau einziehen wird, sind nur 10 Prozent der Kunstwerke von Frauen! Und es fehlen selbst viele der großen wichtigen Protagonistinnen wie Annette Messager, Meret Oppenheim, Agnes Martin, und so weiter. Etwa 50 dieser fehlenden Künstlerinnen sollten auf dem Bauzaun mit einer kurzen Biografie erwähnt werden. Jeder Name war in einer anderen Schrift gesetzt, die wiederum von einer Schriftgestalterin gestaltet ist, und ebenfalls mit einer kurzen Beschreibung erwähnt wird.
„Dass Frauen nach wie vor in vielen Bereichen unterrepräsentiert sind, ist ein inakzeptabler Missstand.“
Anja Lutz
Es wäre eine tolle Gelegenheit gewesen, diese Sichtbarkeit für Künstlerinnen und Schriftgestalterinnen an einem so zentralen Platz zu ermöglichen. „I MISS YOU“ war eines von drei Projekten, die 2022 den eingeladenen Wettbewerb zur künstlerischen Gestaltung des Bauzauns gewonnen haben, aber auf Grund der Haushaltssperre in Berlin und dem Widerstand von Klaus Biesenbach, dem Direktor der Neuen Nationalgalerie, wurde das Projekt nicht realisiert. Die Notwendigkeit, diese Missstände öffentlich zu kommunizieren, bleibt, und ich hoffe, das Projekt noch an anderer Stelle realisieren zu können.
Gerda Breuer: In diesem Jahr hast du zusammen mit Soraya Guimarães Hoepfner ein Buch unter dem Titel „On the Edges of Graphic Design from A—Z—∞“ herausgegeben. Es fasst sechs Jahre der Praxis von A—Z Presents zusammen: Ideen, Projekte, auch einfach nur Fragen. A—Z zeigt sich als eine Plattform für Experimente, Zusammenarbeit und Reflexion. Das Buch hat viel Aufsehen erregt. Selbst Steven Heller beschreibt es in seiner Kolumne „The Daily Heller“. Du hast euer Buch als „Index for alternative graphic design“ bezeichnet und sprichst von „experimentellem Grafikdesign“. Wie definierst du alternativ und experimentell? Was bedeutet „On the Edges“, eine idiomatische Wendung im Titel eures neuen Buches?
Anja Lutz: Das englische Wort „edges“ im Titel des Buchs schien uns passend, um einerseits das Randständige und Ungewöhnliche im Gegensatz zum Zentrum und Mainstream zu bezeichnen und andererseits im Plural auch die Ränder und ihre Überschneidungen mit anderen Disziplinen auszudrücken, die ich bereits erwähnt habe.
Mit den Begriffen experimentell oder alternativ habe ich mich immer wieder schwergetan, weil ich keine vordefinierten Konzepte vermitteln möchte, sondern im Gegenteil die Vielfältigkeit, Unvorhersehbarkeit und Unterschiedlichkeit betonen möchte. Wenn ich den Begriff experimentell verwende, dann im Sinne von Ausprobieren, Forschen, Suchen und Offensein für Neues. Dieses Weiterdenken und Forschen drückt sich im Buch auch in den 32 —∞ Beiträgen aus, für die ich internationale Designer*innen eingeladen habe, ihre Reflexionen zur Zukunft des Grafikdesigns auszudrücken. Darunter sind wieder sehr unterschiedliche Beiträge von Designer*innen wie April Greiman, Prem Krishnamurthy, Luna Maurer und viele mehr.
Gerda Breuer: Du hast in den vorangegangenen Jahren großen Wert auf Intersektionalität beziehungsweise Transdisziplinarität gelegt. Mir fällt dabei das Beispiel von MMS ein, dem schwedischen Frauenkollektiv, was sich aus Maryam Fanni, Matilda Flodmark und Sara Kaaman zusammensetzt. Sie hatten ein Buch aus dem Jahr 1937 wiederentdeckt, in dem viele Frauen, die im Verlagswesen arbeiteten, ihren Beitrag zu ihrer alltäglichen Arbeitspraxis schilderten. Das Buch nahm die Thesen von Martha Scotford vorweg, die die patriarchalen Strukturen in der Designgeschichte unter dem Stichwort „messy history“ beschrieb. Hier geht es also nicht nur um ein historisches Beispiel, auf das Grafikdesignerinnen aufmerksam machen, sondern um den Kontext von Grafikdesign. Kannst du noch andere Beispiele nennen?
Anja Lutz: Zusammenhänge zu verstehen und zu wissen, was vor uns kam, auf welchen Schultern wir stehen dürfen, ist für mich zentral. Das Projekt „Feminist Findings“, ein kollektives Forschungsprojekt zu internationalen feministischen Publikationen des 20. Jahrhunderts, initiiert von Nina Paim und Corinne Gisel ist ein gutes Beispiel dafür. Über 25 Kreative aus verschiedenen Kulturen haben dafür recherchiert und ein beachtliches Archiv zusammengetragen, von frühen feministischen Initiativen und Publikationen. Auch der Austausch mit Alex Jordan, Teil der gestalterischen und politischen Kollektive wie Grapus und Nous Travaillons Ensembles, war sehr lehrreich für das Projekt „A—Z Collective“, bei dem wir ein Jahr lang A—Z als Kollektiv geführt haben. In dem Gespräch mit Alex Jordan wurde deutlich, dass trotz des politischen Bewusstseins und Frauen in den Kollektiven noch viele Strukturen patriarchal geprägt waren. Gleichzeitig hatte mich die Streitkultur des Kollektivs beeindruckt, das Auseinandersetzung und Konfrontation als kreatives Potenzial verstand.
Die Ausstellung „Mirtha Dermisache: To Be Read“, die wir 2024 bei A—Z zeigten, war die erste deutsche Einzelausstellung und präsentierte die beeindruckenden und radikalen asemischen – also „nicht-lesbaren“ – Schriftwerke der 2012 verstorbenen argentinischen Künstlerin. Neben ihrer künstlerischen Arbeit hatte Dermisache während der Militärdiktatur in Argentinien kollektive Workshops organisiert, um kreative Freiräume zu schaffen.
„Zusammenhänge zu verstehen und zu wissen, was vor uns kam, auf welchen Schultern wir stehen dürfen, ist für mich zentral.“
Anja Lutz
Gerda Breuer: Du setzt dich auch mit verschiedenen Kulturen auseinander, nicht nur mit dem sogenannten Westen, mit Geschlechteridentitäten, Generationen und Stadien des Berufslebens. Weshalb ist Diversity ein zentraler Begriff für Dich?
Anja Lutz: Diversität ist für mich der Inbegriff von Lernen, Verstehen, Weiterdenken, Zusammenwachsen … A—Z ist stark von meiner Neugierde geprägt und dem Austausch mit internationalen Kreativen. Die Vielfalt der Beiträge und der Beitragenden eröffnet dabei neue Räume, gedanklich und auch ganz konkret in Form von Zusammenarbeiten. Diese Vielfalt ist nicht nur repräsentativ, sondern auch epistemisch – sie versammelt unterschiedliche Arten des Erkennens, Gestaltens und Verstehens von Design. Dieser Austausch, dieses Voneinanderlernen ist für mich ein ganz wesentlicher Aspekt von A—Z, der für alle erlebbar sein soll. Dafür schaffen wir immer wieder bewusst Rahmen, die das Vernetzen ermöglichen, wie zur Zeit im Format der Counter Sessions, bei denen ein Vortrag oder eine Präsentation in einen entspannten Barabend übergeht, der verschiedene Menschen zusammenbringt.
Gerda Breuer: Liebe Anja, seit ich mich mit deinem Ausstellungsraum beschäftige, wird mir deutlich, wie vielfältig kritische Ansätze im Grafikdesign sein können. Das bestätigt auch dein Buch „On the Edges of Graphic Design from A—Z —∞“. Es ist eine regelrechte Fundgrube und zeigt so viele individuelle Ansätze. Vielen Dank erst einmal für das Gespräch. Ich hoffe, dass wir noch viele weitere Ausstellungen von dir und deinen Gäst*innen sehen können.
On the Edges of Graphic Design from A—Z—∞
Herausgeberinnen: Soraya Guimarães Hoepfner, Anja Lutz
Einführung „For A Design Periphery“ von Jason Grant
598 Seiten, 16,5 x 12 cm
Verlag Set Margins, Eindhoven, 2025
32 Euro
ISBN 978-90-835795-1-1
www.setmargins.press